Rasse

Quelle: Übungsarbeit über das Thema „Die Züchtung der Schweinerasse Leicoma” von Christin Ketter(Landwirtschaftsreferendarin) im Auftrag vom Amt für Landwirtschaft, Flurneuordnung und Forsten Anhalt

Zuchtgeschichte

Die Entwicklung der ostdeutschen Schweinezucht führte in den Jahren ab 1960 zum Bau modernisierter Betriebe mit intensiven Haltungsbedingungen und einem Platzangebot für Tierbestände von über 1000 Sauen (Scheuer & Hühn, 2015). Dementsprechend musste auch die Zuchtstrategie eine Änderung erfahren, um eine ökonomisch effektive Produktion zu gewährleisten. Die Herausforderung dabei bestand darin geeignetes Tiermaterial für Großbestände zu züchten, wobei die Einführung der künstlichen Schweinebesamung diesem Ziel sehr förderlich war (Nährig, 2015). Als Paarungsmethode dominiert sie bis heute die Schweinezucht.

Von Gunther Nitzsche wurde ein Hybridzuchtprogramm konzipiert, welches für die Hybridstufe 1 die Rotationskreuzung beinhaltete. Darin stand geschrieben: »Die Nutzung von Heterosiseffekten erfolgt durch die Erzeugung von Hybridschweinen aus mindestens drei Linien. Dabei werden durch Zuchtverwendung von Kreuzungssauen die Erhöhung der Ferkelzahl und eine Steigerung der Vitalität, bei Mastschweinen eine erhöhte Wachstumsintensität und verbesserte Futterausnutzung gegenüber der Reinzucht erreicht« (Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, 2003: 48). Neben der Deutschen Landrasse und dem deutschen Edelschwein wurde dafür eine dritte Mutterrasse mit signifikanter Differenzierung und kombinierter Leistungsveranlagung benötigt (Nährig, 2015). Ausgangspunkt dabei war die Kombination von internationalen mit bodenständigen, ostdeutschen Schweinerassen. Dazu wurden 1969 als traditionelles, robustes und fruchtbares Schwein die noch vorhandenen, reinrassigen Tiere der Rasse Deutsches Sattelschwein (DS) erfasst (Boettcher, 2010). Man importierte aus den Niederlanden Tiere der Niederländischen Landrasse, welche durch Bemuskelung, Fleischstärke und Fruchtbarkeit überzeugten, ebenso wie umweltstabile Schweine der Estnischen Baconrasse aus der UdSSR, welche sich durch sehr gute Fruchtbarkeit und Konstitution auszeichneten (Nährig, 2015).

Federführend in der ersten Zuchtetappe der Leicoma ab 1970 war die staatliche Tierzuchtleitung VVB Tierzucht unter der wissenschaftlichen Mitwirkung der Forschungsstelle für Schweinezucht und -haltung Ruhlsdorf (Scheuer & Hühn, 2015). Zunächst wurden Tiere der niederländischen Landrasse (NL), dem Sattelschwein und der estnischen Baconrasse (EB) in Thüringen (Kerspleben und Großenlupnitz) und Brandenburg (Kölsa) miteinander verpaart (Boettcher,2010). 1974 verschmolzen in Kölsa die beiden Ausgangskreuzungen NLDS x NLEB, durch deren Kombination die Grundlage 3 für hervorragende Fruchtbarkeit und eine sehr gute Konstitution gelegt wurde, zur leistungskombinierten, synthetischen Linie K250. Die Mast- und Schlachtleistungen der ersten und zweiten Insich-Generation bei den EB-Produkten blieb jedoch hinter den gestellten Zielstellungen zurück (Boettcher, 2010). Infolge dessen erfolgte in der zweiten Züchtungsetappe ab 1975 in Polkenberg die Konstruktion der zweiten Variante der synthetischen Linie K251 unter Einbezug von zwei weiteren Rassen (Nährig, 2015). Zum einen involvierte man Tiere der rotfarbigen, aus Nordamerika importierten Schweinerasse Duroc (Du), welche durch hervorragende Konstitution, hohe Wachstumsintensität und ausgezeichnete Fleischqualität überzeugten, zum anderen Tiere der abgegrenzten Landrasselinie. DL05. Die daraus entstandenen Kombinationsprodukte begründeten nach der 1978 erfolgten Zusammenführung beider Teillinien den weiteren Züchtungsweg (MLU, 1998).

Beide Varianten wurden nach 15 (K250) bzw. 10 (K251) Jahren Zuchtarbeit mit dem Ziel vereinigt, die internationale Anerkennung als Rasse zu erhalten (Nährig, 2015). Nach erfolgreicher genetischer Stabilisierung über fünf bis sechs Generationen InsichVerpaarungen erfolgte 1986 die Staatliche Anerkennung der Rasse Leicoma im Hybridzuchtprogramm (MLU, 1998). Die Rassebezeichnung basiert auf die namenhaften Stammzuchten der Bezirke Leipzig (Polkenburg), Cottbus (VEG Tierzucht Kölsa) und Magdeburg (VEG Tierzucht Sandbeiendorf) (Scheuer & Hühn, 2015). Abbildung 1 zeigt den mittleren Genanteil der an der Rasse Leicoma beteiligten Ausgangsrassen.

Abb. 1 Zusammensetzung der Rasse Leicoma – mittlerer Genanteil (Scheuer/Hühn, 2015)

Laut Nährig (2015) fungierte neben den bestehenden Stammzuchten ab 1982 Nord-hausen als Reservezucht Dort wurden Kölsaer Lc-Eber zur eigenen Erzeugung einge-setzt, die Zucht aber 1996 einstellt. Aus deren Bestand hatten zwischenzeitlich zwei weitere Thüringer Betriebe, die AG Hüpstedt und die AG Niedertrebta, Zuchten aufge-baut (Boettcher, 2010). 1989 erfolgte der Aufbau einer leistungsstarken Leicomazucht durch den Zukauf von Tieren aus Polkenberg in Bornum. Durch den Ausstieg des bis dato dominierenden Leicoma-Zuchtbetrieb Polkenberg übernahm Bornum 1991 die führende Rolle in der Leicomazucht (Nährig, 2015).

In den 1990er Jahren erfolgte die Gründung einer überregionalen Zuchtkommission, welche das Ziel der Erhaltung und züchterischen Weiterentwicklung der Rasse Lei-coma verfolgte. In dieser Kommission wirkten als Vorsitzender Hubert Scheuer von der AG Bornum und Mitglieder bzw. Vertreter aus Schweinezuchtverbänden, Zuchtbe-trieben und aus Einrichtungen der Länder Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Die Schwerpunkte der Kommission lagen dabei in der Umsetzung des gemeinsamen Tiergesundheitsprogrammes zur PRRS-Sanierung, dem Einsatz für die Durchführung einer einheitlichen Zuchtwertschätzung, der Bewah-rung der rassetypischen Merkmale und der Koordination der Zuchtarbeit (MLU, 1998). Die Zusammenarbeit der Betriebe Bornum, Kölsa, Niedertrebta und Hübstedt diente bis Mitte der 2000er dem Fortbestand der Rasse Leicoma und dem Erhalt deren ge-nealoischen Vielfalt. Der Fortschritt in Richtung Verbreitung, Bekanntheitsgrad und Ak-zeptanz gestaltete sich allerdings als schwierig, was auch daran lag, dass erst im Jahr 2007 ein PRRS-freier Zuchtbestand zu verzeichnen war und somit Betriebe zu ande-ren Genetiken wechselten (Scheuer & Hühn, 2015). 2005 integrierte der Schweine-zuchtverband Baden-Württemberg e.V. Leicoma und setzte Tiere dieser Rasse in sei-nem Hybridzuchtprogramm als Linie D ein. Nach Nährig (2015) wurde 2008 letztmalig ein Jahresbericht über die Ergebnisse der Leicoma-Zuchtkommission veröffentlicht. Die Erkenntnis war, dass der Bestand an Herdbuchsauen erheblich schrumpfte. In Folge dessen stagnierten erzielbare Reproduktionsleistungen, woraufhin andere Ras-sen die Leicoma verdrängten.
Mit dem altersbedingten Ausstieg des Leicoma-Experten Hubert Scheuer und darauf-folgenden Änderungen in der Geschäftsstruktur der AG Bornum ist 2018 eine wichtige Säule der Leicomazucht weggebrochen .

Ein wesentlicher Aspekt in der Geschichte der Leicoma sind die starken ökonomischen Veränderungen, der die Rasse in seiner kurzen Entstehungsgeschichte immer wiederausgesetzt war. Orientiert an der Entwicklung zu großen Sauenanlagen in der DDR, folgten in der Nachwendezeit Betriebsaufgaben bedingt durch Wettbewerbsdruck, Ra-tionalisierungen und Kostensenkungen in Verbindung mit neuen unternehmerischen Konzepten und dem verstärkten Wettbewerb mit internationalen Schweinezuchtorga-nisationen (Scheuer & Hühn, 2015). Die Zuchtregion Mitteldeutschland, geprägt durch fruchtbare Böden, durchlebte ab 1990 einen Wandel mit Betriebsaufgaben in der Tier-produktion und Spezialisierungen in Richtung Marktfruchtanbau, welcher durch die sehr guten Böden begünstigt war (BLE, 2015). In Abbildung 2 wird ein kurzer, sche-matischer Überblick über die Entstehung der Rasse Leicoma gegeben.

Abb. 1 Zusammensetzung der Rasse Leicoma – mittlerer Genanteil (Scheuer/Hühn, 2015)